Legacy-Modernisierung: Das Strangler-Pattern erklärt
"Never rewrite from scratch" – dieser Rat von Joel Spolsky ist heute so relevant wie vor 20 Jahren. Komplette Neuentwicklungen scheitern oft an Scope Creep, Zeitdruck und unterschätzter Komplexität. Das Strangler Pattern bietet einen besseren Weg.
Das Problem mit Big-Bang-Migrationen
Die Verlockung ist groß: Das alte System ist ein Albtraum, also bauen wir alles neu. Sauber, modern, ohne technische Schulden. Doch dann passiert folgendes:
- Das Projekt dauert länger als geplant
- Während der Entwicklung ändern sich Anforderungen
- Das alte System muss parallel weiterlaufen und gewartet werden
- Am Go-Live-Tag funktioniert die Hälfte nicht
Das Strangler Fig Pattern
Der Name kommt von der Würgefeige – einer Pflanze, die sich um einen Wirtsbaum wickelt und ihn langsam ersetzt. Genau so funktioniert das Pattern:
Schritt 1: Facade vor das Altsystem
Alle Zugriffe laufen über eine neue Schicht. Zunächst leitet diese einfach an das Legacy-System weiter.
Schritt 2: Funktionen einzeln migrieren
Eine Funktion nach der anderen wird neu implementiert. Die Facade routet Anfragen entsprechend – teils ans alte, teils ans neue System.
Schritt 3: Altsystem abschalten
Sobald alle Funktionen migriert sind, wird das Legacy-System abgeschaltet. Oft passiert das Feature für Feature über Monate oder Jahre.
Vorteile
- Risikominimierung: Jeder Schritt ist klein und umkehrbar
- Kontinuierlicher Wert: Neue Features können sofort genutzt werden
- Lerneffekt: Das Team versteht das Altsystem besser während der Migration
- Kein Big Bang: Der Betrieb läuft unterbrechungsfrei weiter
Praxis-Beispiel
Bei einem Logistik-Unternehmen haben wir ein 15 Jahre altes Dispositionssystem mit diesem Ansatz modernisiert:
- Monat 1-2: API-Gateway vor das Altsystem
- Monat 3-4: Neue Benutzeroberfläche, Backend bleibt
- Monat 5-8: Kernlogik schrittweise in Microservices
- Monat 9: Altsystem abgeschaltet
Ergebnis: Null Ausfallzeit, zufriedene Nutzer, moderne Architektur.
Fazit
Legacy-Modernisierung muss kein Alles-oder-Nichts sein. Das Strangler Pattern ermöglicht inkrementelle Verbesserung bei kontrolliertem Risiko.
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